Clarity School: Ein persönlicher KI-Tutor (Interview mit dem Gründer Moritz Zinecker)

Clarity School (mit Interviews)
Clarity School (mit Interviews)

Die KI-gestützte Begleitung von Lernprozessen wird immer wichtiger.

Einen interessanten Ansatz nach dem Motto: „Ein guter KI-Tutor muss nicht nur den Stoff kennen, sondern den Menschen, der ihn lernt.“ verfolgt die App Clarity School.

Ich hatte die Gelegenheit, dazu ein Interview mit dem Gründer und CEO von Audecius Moritz Zinecker zu führen (siehe unten).


Innovative Trends: Was ist die Idee von Clarity School? Wie kommt es zu dem Namen?

Moritz Zinecker: Clarity soll drei Fragen beantworten, die im Schulalltag ständig auftauchen: Was muss ich lernen? Wann lerne ich es? Und wie verstehe ich es wirklich? Meine These ist: Zugang zu Erklärungen allein löst das Lernproblem nicht. Entscheidend ist, ob daraus der richtige nächste Schritt für einen bestimmten Menschen wird.

Die Idee entstand aus meiner eigenen Erfahrung. Als ich von Deutschland an eine Highschool in Kansas kam, musste ich mich in einem anderen Schulsystem zurechtfinden: andere Noten, ein anderer Stundenplan, neue Anforderungen. Dazu kam der Alltag zwischen Unterricht, Aufgaben und Terminen. Die Informationen waren da, aber über Apps, Materialien und einzelne Erklärungen verteilt. Genau in diesem Wirrwarr wollte ich Klarheit schaffen. Daher der Name.

Clarity School, die bereits veröffentlichte App, begann bei der Schulorganisation. Mit der nächsten Generation entwickle ich daraus einen persönlichen KI-Tutor: ein System, das Schulstufe, Wissensstand und Alltag zusammenführen soll, statt Lernende bei jeder Frage wieder bei null anfangen zu lassen.

Der Zeitpunkt ist entscheidend. In einer Pew-Befragung aus Herbst 2025 sagten 54 Prozent der 13- bis 17-Jährigen in den USA, dass sie Chatbots bereits zur Unterstützung bei Schularbeiten genutzt haben. Für mich ist die Frage deshalb nicht mehr, ob KI im Lernalltag ankommt, sondern wie daraus besseres Lernen werden kann. [Pew Research Center]

Innovative Trends: Was unterscheidet Clarity School von den Mitbewerbern – oder gibt es nichts Vergleichbares?

Moritz Zinecker: Natürlich gibt es Vergleichbares, und die Konkurrenz entwickelt sich schnell. ChatGPT Study Mode führt Schritt für Schritt durch Aufgaben und kann Erinnerungen zur Personalisierung nutzen. Quizlet passt Übungsfolgen an den Kenntnisstand an. Knowunity verbindet KI-Nachhilfe mit personalisierten Lernplänen. Und MyStudyLife bietet neben Schulorganisation inzwischen einen KI-Assistenten für Wochen- und Prüfungsvorbereitung. Die Kategorien wachsen also zusammen. Personalisierung oder ein KI-Chat allein sind noch keine tragfähige Differenzierung.

Unsere Wette liegt deshalb nicht auf einem einzelnen KI-Feature. Sie liegt auf einem durchgängigen Ablauf: Der reale Wochenplan bestimmt, wann Lernen möglich ist. Übungen zeigen, was verstanden wurde. Wiederkehrende Fehler verändern, was als Nächstes geübt wird. Und daraus entsteht der nächste Plan. Genau diese Verbindung wollen wir zum Zentrum des Produkts machen.

Ein Beispiel für die Richtung, in die wir entwickeln: Eine Schülerin schreibt am Donnerstag Chemie. Clarity soll aus ihren Materialien Übungen vorbereiten, drei kurze Lerneinheiten in ihre Woche einpassen und nach den ersten Antworten gezielt dort weiterarbeiten, wo das Verständnis fehlt. Fällt eine Einheit aus, passt sich der Plan an. Fragt sie nach der Lösung, soll der Tutor ihr zunächst beim nächsten Denkschritt helfen.

Mein Anspruch ist nicht, einen Chatbot mit einem Kalender daneben zu bauen. Es soll ein Lernsystem werden, bei dem jede Übung die nächste Entscheidung sinnvoller macht. Ob wir das im Alltag überzeugend hinbekommen, ist der Maßstab, nicht die Länge unserer Funktionsliste.

Innovative Trends: Können Sie uns etwas zu den technischen Details sagen?

Moritz Zinecker: Ich entwickle die App nativ für iPhone und iPad mit Swift und SwiftUI. Für Konten, Synchronisierung und die serverseitigen Funktionen der nächsten Generation nutze ich Supabase mit PostgreSQL. Die technische Verantwortung liegt bei mir; KI-Entwicklungswerkzeuge unterstützen mich beim Programmieren, während Architektur, Prüfung und Freigabe meine Aufgabe bleiben.

Der eigentliche technische Kern ist das persönliche Lernmodell. Damit meine ich kein selbst trainiertes Sprachmodell, sondern eine strukturierte Beschreibung des aktuellen Lernstands: Welche Themen wurden bearbeitet? Welche Aufgaben gelangen ohne Hilfe? Welche Fehler treten wiederholt auf? Welche Prüfung steht bevor? Dieses Modell soll nicht nur einen Chat personalisieren, sondern auch die Auswahl von Übungen und die Lernplanung steuern.

Ariadne ist als Steuerungsschicht um vorhandene KI-Modelle konzipiert. Ein Modell könnte beispielsweise eine Erklärung oder einen Planungsvorschlag erzeugen; die Anwendungslogik soll Kontext, Berechtigungen und zulässige Änderungen prüfen. Die Unterscheidung ist wichtig: Eine plausible Antwort ist noch keine Berechtigung, einen Kalender oder andere Daten zu verändern.

Beim Modellzugriff sehen wir eine Kombination aus Verarbeitung auf dem Gerät und Cloud-Modellen vor. Welche Route sinnvoll ist, hängt von der Aufgabe und den technischen Voraussetzungen ab. So müssen einfache lokale Aufgaben und anspruchsvollere Tutor-Interaktionen nicht denselben technischen Weg nehmen.

Diese Architektur entwickeln wir für die nächste Generation. Die veröffentlichte School-App ist der Ausgangspunkt, nicht bereits der vollständige Tutor.

Innovative Trends: Können Sie uns etwas zu den Nutzerzahlen sagen beziehungsweise dazu, in welchem Stadium Clarity School ist?

Moritz Zinecker: Clarity ist bereits über die reine Konzeptphase hinaus. Mit Clarity School gibt es eine öffentlich verfügbare App; gleichzeitig testen wir die nächste Generation und entwickeln sie Schritt für Schritt in Richtung eines persönlichen KI-Tutors weiter.

Wir schauen nicht nur darauf, wie viele Menschen Clarity ausprobieren, sondern auch darauf, wie das Produkt im Alltag genutzt wird: etwa wie häufig die Beta geöffnet wird und ob Schülerinnen und Schüler ein Elternteil einbinden. Diese Signale ergänzen das direkte Feedback, das wir per E-Mail erhalten. Lernende berichten uns, dass sie Themen leichter verstehen; einzelne schildern auch verbesserte Noten. Für uns sind diese Rückmeldungen ein wichtiger Ausgangspunkt, um das Produkt gezielt weiterzuentwickeln. Unser Anspruch ist, dass Clarity nicht nur beim ersten Ausprobieren überzeugt, sondern über längere Zeit ein hilfreicher Teil des Lernalltags wird.

Für die nächste App-Veröffentlichung ist der 31. Oktober vorgesehen; bestätigt ist dieser Start noch nicht. Und auch dieser Schritt ist nicht gleichbedeutend mit der vollständig umgesetzten Tutor-Vision. Die Funktionen werden schrittweise ausgebaut.

Innovative Trends: Was sind die Ziele für die nächste Zukunft – wie geht es weiter?

Moritz Zinecker: Bis Ende 2026 will ich den derzeit vorgesehenen Funktionsumfang des persönlichen KI-Tutors umsetzen. Dabei geht es mir nicht darum, möglichst viele Funktionen bis zu einem Datum abzuhaken. Der Kern muss stimmen: Clarity soll erkennen, wo jemand steht, einen realistischen nächsten Schritt vorschlagen und anschließend überprüfen helfen, ob der Stoff wirklich verstanden wurde.

Für die nächste Entwicklungsphase konzentrieren wir uns auf einen konkreten Anwendungsfall: Schülerinnen und Schüler, die sich auf ihre nächste Prüfung vorbereiten, zunächst besonders im US-amerikanischen Middle- und Highschool-Bereich. Einen klar umrissenen Lernablauf gut zu lösen, ist wertvoller, als sofort jede Bildungsfrage beantworten zu wollen.

Langfristig soll der persönliche Lernkontext nicht auf eine einzige Chatoberfläche beschränkt bleiben. Deshalb planen wir auch Schnittstellen, über die andere KI-Assistenten auf ausdrücklich freigegebene Lerninformationen zugreifen können. Ein Lernender sollte seinen Wissensstand nicht jedes Mal neu erklären müssen, nur weil er das Werkzeug wechselt.

Die große Vision ist ein Lernbegleiter, der über die Zeit hilfreicher wird. Nicht, weil er immer mehr Antworten produziert, sondern weil er besser einschätzen kann, welche Unterstützung dieser Mensch jetzt braucht. Wenn Clarity gut funktioniert, verbringt man weniger Zeit damit, Lernen zu organisieren, und mehr Zeit damit, wirklich zu lernen.

Innovative Trends: Spannend … ich bedanke mich für die Zeit und wünsche viel Erfolg !

Weitere Informationen gibt es auf der Webseite von Clarity

Oliver Höß

Moritz Zinecker, Founder und CEO von Audecius
Interviewpartner: Moritz Zinecker, Founder und CEO von Audecius

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